Heute ist mir eine Frau begegnet, die mir erzählt hat, sie könne nicht hassen. Sie kennt dieses Gefühl nicht. Vermutlich war sie der Überzeugung, dass sie dies zu einem besseren Menschen mache.
Ist man ein guter Mensch, wenn es einem nicht möglich ist für grauenvolle Dinge wie Terroristen, Tierquäler oder Diktatoren (diese Auflistung erfolgte jetzt keiner weiteren Logik nach) tiefgründige Abneigung zu empfinden? Bedeutet es nicht viel mehr, dass einem diese Dinge gleichgültig sind, weil man nicht direkt von ihnen betroffen ist? Macht das einem nicht eher zu einem , um J.D. Salinger zu zitieren, “phoney”? Jemandem, der vorgibt, jemand zu sein, der er eigentlich gar nicht ist. Vorzugeben sich für Dinge zu interessieren, für die man sich gar nicht interessiert- wie zum Beispiel Bedrohungen der Gesellschaft/Umwelt/Minderheiten?
Ich denke, nur weil Hass ein negatives Gefühl ist, macht einen es nicht automatisch zu einem schlechten Menschen. Es sind ja meist die Konsequenzen des Hasses, die das Gefährliche an dieser Überlegung ausmachen.
Also, ich finde, wenn jemand sagt, er könne nicht hassen, macht er oder sie sich, wie Du schon sagtest, zu einem “phoney” – denn jeder Mensch kann hassen. Könnte er es nicht, würde ihm etwas fehlen, was den unfehlbaren Menschen nun einmal ausmacht.
Dass der eine mehr oder schneller hasst, als der andere, ist wohl normal. Aber dass jemand nicht in der Lage ist, zu hassen, stelle ich mir unmöglich vor. Niemand ist einfach nur “lieb” oder “unschuldig”.
In meinen Kreisen sagt man, Liebe und Hass liegen nah beeinander. Wer richtig, mit ganzem Herzen liebt, kann in ungünstigen Fällen diese Gefühle, leicht und sogar unbewusst, in Hass umprojezieren.
Wer nicht hassen kann, kann auch m.E. nicht richtig lieben. Deine Definition trifft es also auf den Kopf.
Hass ist aber kein negatives Gefühl – sondern ein menschliches. Es liegt in der Natur des Menschen. Ein solches Gefühl als negatives Gefühl zu definieren ist ebenso unlogisch, wie die Neigung der Menschen, Tiere in “gute” und “böse” Tiere zu unterteilen (z.B. der Kuckuck der sich ins gemachte Nest setzt, der blutrünstige Hai, die hinterlistige Schlange uvm).
Vielmehr sollten die Menschen darüber nachdenken, ob ihr ureigenes Verständnis von dem, was gut oder böse ist, mit den ur-natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Komos noch übereinstimmen, oder ob unsere Gesellschaft sich am Ende nicht immer weiter in eine Fehlentwicklung moralischer Wertungen abdriftet, in der man einer “political correctness” nachhinkt, die nur noch sehr bedingt den Gegebenheiten der Realität Rechnung trägt.
Interessanter Gedanke. Allerdings ist mir das mit den ur-natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Kosmos etwas zu hoch gegriffen. Der Mensch hat sich über Jahrhunderte ein Wertesystem aufgebaut, was gar nicht mal schlecht ist.
Ich finde Hass kann durchaus negativ sein- wenn er aus den falschen Gründen gefühlt oder ausgeübt wird. Zum Beispiel bei Ausländerfeindlichkeit.