Ich glaub, ich zieh an die Ostsee

Schon die fünfte Schüssel Müsli heute
Mein Handy auf der Korbmatte
Es hat schon wieder niemand angerufen
Aus irgendeinem Grund
Ist mein Desktophintergrund
Schon wieder grau

Ich mach blau

Ich glaub, ich zieh an die Ostsee.

Der Lüfter surrt
Lichter versuchen sich
Im Tanz an der Wand
Krampft dann meine Hand
Ich bleibe im Bau

Vielleicht mach ich blau.

Vielleicht zieh ich an die Ostsee.

So viele Punkte
Sind so wenig Ziele
Immer zu tun
Und doch nichts getan
Chancen vertan die
Fingerkuppen zu rauh

Ich mach einfach blau.

Ich glaub, ich zieh an die Ostsee.

Ich glaub, ich zieh an die Ostsee.

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Tag am See

Alt+F4

Der heutige Tag
hatte was für sich
ich stellte fest
ich hasse dich.

Du bist ein echtes Material Girl
ziehst schon mal über andere her
die dir Vertrauen entgegen bringen
ihnen zuzulächeln fällt dir nicht schwer.

Du hast noch keine DSDS-Folge verpasst
Tiefgründigkeit findest du beschissen
du kannst kaum mit Windows umgehen
und glänzt sehr gern mit Fußball-Nichtwissen.

Zum Arbeiten brauchst du keine Hände
da reicht vollkommen dein Augenaufschlag
trittst unliebe Aufgaben gern an mich ab
stichelst so gern versteckt hinter Prag.

Das alles wäre mir so egal
wenn es mich nicht bremsen würde
doch mit dem Blick in deine Augen
nehm‘ ich zu gern die nächste Hürde.

WM an der Supermarktkasse

Eine Supermarktkasse in einem deutschen Supermarkt. 19 Uhr. Ich habe mir vermutlich etwas zu Trinken gekauft. Außerdem Schoko-Kekse, denn ich stelle mich auf eine lange Nacht voller Arbeit ein. Ich stelle mich an der Kasse an. Hier warten zusammen mit mir eine Frau mittleren Alters und ein Junge, vermutlich indischer Abstammung, 12 oder 13 Jahre, darauf, dass der Kassierer die Waren scannt. Der Junge vor mir hat sich ein KinderCountry Riegel genommen und aufs Band gelegt. Doch er zögert. Er nimmt ihn wieder in die Hand und geht nochmal zwei Schritt zurück zu den Süßigkeiten. Und er hadert. Diese Situation kommt mir doch extrem bekannt vor.

Schließlich entscheidet er sich für einen Duplo-Riegel, und geht wieder an mir vorbei. Er guckt durch das Papier, da sich bei diesem Schokoriegel ja meistens Aufkleber in der Hülle befinden. Er schaut kurz zu mir hoch. Ich lächle ihn an, einfach weil ich genau weiß, was für eine schwere Entscheidung der Junge gerade zu treffen hat. Mein Lächeln tritt einen kleinen Wasserfall an Worten los.

Er lacht. „Ist besser.“, sagt er. „Ist Fußball drin.“  Und tatsächlich, anscheinend wie in jedem „Ich habe ein Aufkleber als Extra“-Produkt dieser Tage hat auch Duplo einen Fußballspieleraufkleber. „Michael Ballack.“, sagt er stolz, dessen Namen man durch die Hülle lesen kann. „Kennen Sie Michael Ballack?“ „Na klar“, sage ich.  „Aber ist verletzt. “  „Wir schaffen das auch ohne ihn“, meine ich ermutigend. „Kann heute nicht spielen.“, erwidert er.

MOMENT. Heute? Nein. Nicht heute. Ich habe einen Riesenberg Arbeit vor mir, da wird doch wohl kein Länderspiel im Fernsehen laufen!

„Heute? Spielen die denn heute?“ „Ja“, meint der Junge, der gerade meinen ganzen Arbeitsplan durcheinander haut, und nickt eifrig. „Hoffentlich verletzt sich keiner. Sind so viele verletzt. Es darf sich heute keiner verletzen.“

„Gegen wen spielen wir denn?“  .. „Gegen wen..äh..“ Er wendet sich an die Frau vor ihm. „Wissen Sie, wer spielt denn heute? Wer spielt denn heute?“ Die Frau reagiert nur zögerlich und ich muss mal wieder über die deutsche Mentalität schmunzeln.  „Ähm.. Bosnien-Herzegowina“, sagt sie schließlich. „Genau! Bosnien-Herzegowina. Wir gewinnen. Ich sag 4:1 für Deutschland! Was sagen Sie?“, fragt er wieder die Frau, deren Waren jetzt gescannt werden. “ Ist doch egal wer gewinnt“, meint sie. „Was denkst du?“, fragt der Junge den Kassierer. „Hmm?“, meint er, als hätte er die ganze Unterhaltung nicht mitbekommen. Die Herrschaften an der Kasse neben uns stehen wartend mit steinernden Mienen und beobachten unsere Unterhaltung.

„Na das Fußballspiel! Wer gewinnt? Ich sag 4:1!“, fängt er wieder an. „Ach die spielen Unentschieden“, meint der Kassierer. Der Junge fängt nun wieder an von den tollsten Tatsachen und Neuigkeiten zu erzählen, die mir jetzt nicht mehr einfallen wollen. Ich merke nur, dass der Kassierer leicht unruhig wird, als der Junge, nachem er bezahlt hat immer noch weiterredet. Er winkt ihn mit einer Handbewegung weiter.

Deutschland- Bosnien-Herzegowina 3:1.

Ich hab es natürlich gesehen.

Neulich im Zug…

Wer kennt sie nicht, die berühmten Unterhaltungen zwei Sitzreihen weiter.

Leipzig-> Berlin:

Vorinfo: Ich sitze in der „2.Etage“ eines roten Zuges zusammen mit einer älteren Frau und vermutlich ihrem Sohn. Von unten her hört man eine männliche Stimme, die in einer anderen Sprache telefoniert.

Frau: „Dass die immer so viel telefonieren, die Ausländer.“ (Pause)

„Die müssen Geld haben.“

Sohn: „Lass ihn doch. Vielleicht hat er eine Flatrate.“

Frau: „Achso.“

Leipzig-> Dresden

Ich sitze auf der zweiten Treppenstufe im Gang, meine Schuhe an der Zugtür, 20 Zentimeter links über mir schwebt ein Buch, das von einer Frau gehalten wird, die unmittelbar hinter mir auf der nächsthöhren Treppenstufe sitzt. An der Tür gegenüber sitzt einer meiner Kollegen, mit denen ich heute mit dem Sachsenticket fahre. Dazu gehört noch ein Vater mit einer kleinen Tochter, vielleicht 5 und einem Sohn, vielleicht drei, die mir auf einer Tasche gegenübersitzen, an die Glaswand gelehnt. Die Kleine beklagt sich lautstark, dass sie heute noch nichts gegessen hat. Aus der Unterhaltung ergibt sich, dass die Eltern getrennt sind, und der Vater die beiden Kinder übers Wochenende zu sich nimmt. Die Mutter hat den Kindern am Bahnhof allerdings ein Eis statt des Mittagessens geholt, allerdings auf Verlangen der Tochter.  Das Mädchen erzählt von einer Art Kinderfeier, auf der eine Gruselgeschichte erzählt wurde, die sie überhaupt nicht gruselig fand. Sie will jetzt ein Spiel auf Papas IPhone spielen und gerät darüber bald mit ihrem jüngeren Bruder in Streit. Ich bemerke, wie ich darüber tüftle, ob ich meinem 3 jährigen Kind mein IPhone überlassen würde oder lieber ein Buch mit ihm zusammen angucken würde, damit es lernt, das man reale Dinge nicht per Fingerzeig bewegen kann.

Berlin Alexanderplatz, Infostand

Mann: „Sagen Sie mal, dass kann doch nicht sein, das die Rolltreppen nicht funktionieren! Das ist jetzt schon seit zwei Stunden so!“

DB-Mitarbeiter: „Ja, die Monteure sind schon unterwegs. Was will man denn machen? Die sind aus Westdeutschland! Die halten nix aus!  Unsere Rolltreppen würden nicht kaputt gehen! Billiges Zeug ausm Westen!“

Ich kann diese Mischung aus totaler Verblüffung und hohem Unterhaltungswert nicht beschreiben, die sich da in meinem Gesicht abspielte.

München Hauptbahnhof

Mann:  „Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit 10 Minuten ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen.. am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug..“

– ja gut, dass war was anderes.

Fremd

In der Straßenbahn sitzt du mir gegenüber
die Stirn gerunzelt, den Mund verzerrt
ich stempele dich als Pessimist
dabei bleibt dein Blick verklärt

Am Gerichtssteg steigst du aus
willst das Sorgerecht für dein Kind
doch von alldem weiß ich nichts
denn das Fremde macht mich blind.

Du bist meine große Liebe
hast ein komisches Gesicht
magst Musik, die ich gern höre
schade ist’s, ich kenn‘ dich nicht.

Du lachst leise in dich hinein
verunsicherst damit die fünfte Frau
die zupft ihr Dekolletee zurecht
und schürzt die Lippen wie ein Pfau.

Ich bin traurig und sehr müde
du lächelst mich an bevor ich flieh‘
du hast jetzt ja meinen Job
Glück nur- dass erfahrn‘ wir nie.

Schon wieder stehst du neben mir
und diesmal spreche ich dich auch an
wir tratschen kurz über das Wetter
lauschen unserer Stimmen Klang.